Mein lieber Phillip,
Jeder Tag, der vergeht, trennt uns ein Stück mehr von der gemeinsamen Zeit und lässt die Sehnsucht nach dir wachsen. Einerseits schmerzt es, wie viel Zeit schon ohne dich vergangen ist. Andererseits ist sie gelebt und hat uns ein Stück näher zu dir gebracht. Wir leben in der Vergangenheit und versuchen unsere Gegenwart und unsere Zukunft zu meistern. Es ist ein paradoxes Leben, in das uns dein Tod geworfen hat.
Wir existieren im Hier und Jetzt. So zu leben ist das, was wir nun tun. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute. Die Zeit fliegt an uns vorbei, rücksichtslos und lässt uns verzweifelt zurück.
Der Glaube, das es dir gut geht, dort wo du jetzt bist, hilft uns manchmal mehr, manchmal weniger. Wir wissen, dass du in unserer Nähe bist, uns manchmal Zeichen gibst und manchmal auch einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Die Sehnsucht nach dir ist oft nicht zu ertragen, aber unsere Liebe zu dir ist schließlich auch riesengroß.
Jeden Tag wird uns bewusst, dass wir lernen müssen, mit dieser Endgültigkeit zu leben und jeden Tag merken wir, dass wir an unsere Grenzen stoßen.
Keine Erklärung für das Geschehene finden zu können, lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Oft fragen wir uns, ob man irgendwann wieder Freude, Leichtigkeit und vor allem einen Sinn empfinden kann? Zu tief ist der Schmerz. Wir sind sehr dünnhäutig geworden und damit verletzbar. Es bleibt keine Kraft übrig für Diskussionen, für Rechtfertigungen, für vergebliche Versuche, uns anderen verständlich zu machen.
Du warst und bist etwas ganz besonderes für uns. Wir hätten uns noch so viel zu sagen gehabt. Aber dies ist seit deinem Weggang für immer ein unerfüllbarer Wunsch. Mit deinem Tod ist ein großer Teil unserer Zukunft verloren gegangen. Nie werden wir deinen Abschluss deiner Berufsausbildung, deine Heirat erleben, nie Großeltern deiner Kinder sein. Wir können uns nicht in die Arme nehmen, nicht in die Augen sehen, nicht berühren, nicht miteinander reden, uns nicht sagen, das wir uns lieb haben oder auch diskutieren und unsere verschiedenen Ansichten über Dinge mitteilen.
Jede Jahreszeit, jeder Weg, jeder Handgriff müssen neu erfahren werden. Der Frühling kommt nun haben wir alle Jahreszeiten nun ohne dich gelebt. Wir mussten und müssen immer noch lernen, Weihnachten, Ostern, deinen Geburtstag, unsere Geburtstage und alle anderen Festtage ohne dich zu begehen. Nie wieder wird es so schön werden, wie es war. Solche Festtage sind einfach nur Tage, die ganz besonders schmerzvoll sind. Wir hoffen, dass es mit den Jahren etwas leichter wird, diese Tage zu begehen, dieses Leben zu leben.
Bei allem Leid sind wir aber auch froh und dankbar dafür, dass wir noch deine Schwester auf ihrem Weg in die Zukunft begleiten dürfen. Für sie lohnt es sich weiterzuleben, in ihr sehen wir unseren Sinn für ein Weiterleben.
Deine Schwester hat es besonders schwer. Sie hat nicht nur ihren Bruder verloren, sondern muss gleichzeitig mit uns, völlig veränderten Eltern klarkommen. So sieht es nun aus nach einem Jahr…
Heute vor einem Jahr durften wir dich zum allerletzen Mal in unserem Leben mit dir reden, dich glücklich sehen…
Du hast diese Welt für immer verlassen und wir müssen akzeptieren, dass unsere Zeit noch nicht gekommen ist. Aber wir halten fest an dem Glauben, dass wir uns wieder sehen.
Ich vermisse dich und es wird nicht weniger. Du warst der beste Sohn, den man sich wünschen kann.
Deine Mama